Warum Hannah Baker keine Heldin ist

Tote Mädchen lügen nicht – Jeder kennt es, jeder schaut es, jeder spricht darüber.

Paul hat bereits über seine Meinung bezüglich der Serie geschrieben. Ich möchte in diesem Artikel daran anknüpfen und darlegen, warum ich die Serie kritisch betrachte.

SPOILER WARNUNG: Wer Staffel 1 und 2 von „Tote Mädchen lügen nicht“ noch nicht gesehen hat, sollte lieber wegklicken und den Artikel zu einem späteren Zeitpunkt lesen, da sonst Inhalte vorweggenommen werden.

Ich stimme Paul in den meisten Aussagen seines Artikels zu. Ich habe das Buch auch zuerst gelesen und fand es gut.

Das Buch sowie die Serie behandeln ernste und wichtige Themen, mit denen Jugendliche häufig konfrontiert sind: Mobbing, Drogen, Gewalt und Sex. Tabuthemen wie Depressionen, Vergewaltigung und Suizid werden ebenfalls angerissen. Ich finde es gut, dass über diese Themen gesprochen wird und denke, dass Aufklärungsarbeit hierbei sehr wichtig ist.

Der Hype um die Serie ist enorm. Auf der einen Seite ist er gut, um viele Jugendliche zu erreichen, doch genau darin sehe ich auch ein großes Problem, da viele die Serie naiv und unreflektiert konsumieren.

Die Hauptfigur Hannah Baker wird von vielen Teenagern bewundert und/ oder bemitleidet. Dies kann ich zunächst bei flüchtiger Beurteilung nachvollziehen. Sie ist ein schönes, junges, geheimnisvolles Mädchen, welches allerdings Probleme hat, sich nach dem Umzug an der neuen Schule einzufügen. Sie leidet unter dem Verhalten ihrer Mitschüler und hat kein stabiles Zuhause, da sie mit eigenen Augen ansehen musste, wie ihr Vater ihre Mutter betrügt. Aufgrund einer Reihe von mehr oder weniger schlimmen Geschehnissen, die in einer Vergewaltigung enden, nimmt sie sich das Leben und hinterlässt 13 Kassetten, in denen sie 13 Personen die Schuld an ihrem Selbstmord gibt.

Die Serie impliziert meiner Meinung nach, dass man etwas mit Selbstmord erreichen und verändern kann, was in der Realität häufig nicht der Fall ist und auch definitiv kein Ziel sein sollte. In der Serie allerdings wird durch den Suizid einer Schülerin, eine ganze Schule sowie Stadt in einen langanhaltenden Ausnahmezustand versetzt. Viele Menschen denken nach ihrem Suizid über ihre Worte und Taten nach und verändern sich grundlegend – und dies zum Positiven, wie zum Beispiel Mr. Porter. Dieser hat unangemessen auf Hannahs Hilfeschrei reagiert und wird somit von ihr dafür verantwortlich gemacht, dass er den letzten Rest zu ihrem Selbstmord beigetragen hat. Dennoch ist Selbstmord eine bewusste Entscheidung, die Hannah bereits zu einem früheren Zeitpunkt getroffen hatte, und ihm die Schuld dafür zuzuschreiben, ist meiner Meinung nach nicht fair. Dieses Bild, was durch die Serie entsteht, ist allerdings unheimlich gefährlich. Es beschönigt den Selbstmord und stellt es als eine wirksame Lösung dar, um Gerechtigkeit zu bekommen. Dies ist allerdings Unsinn, da die Person nach ihrem Selbstmord tot ist, und nichts von alledem mitbekommt, noch hat. Sie ist ja tot.

Ein großes Problem, welches ich in der Serie sehe, ist, dass Hannah durch ihren Selbstmord in gewisser Weise als Heldin dargestellt wird und jegliche Verantwortung von ihr genommen wurde. Vor allem in Staffel 1 wird sie durchgängig als Opfer und niemals als Beteiligte an einer Situation dargestellt. Durch ihre Kassetten möchte Hannah ein Stück weit Rache und Aufmerksamkeit, die sie dadurch auch bekommt. Es ist in einer Weise nachvollziehbar, allerdings deswegen so gefährlich, da viele Suizidgefährdete Aufmerksamkeit suchen und sich diese durch Selbstmord versprechen. Es wäre um einiges besser, hätte die Serie dazu aufgerufen, die Konfrontation mit den Problemen in der Realität zu suchen und gezeigt, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen und dass ein Gespräch mit einem Vertrauten oder einem Therapeuten oft der erste Schritt zur Verbesserung der ausweglos erscheinenden Situation sein kann. Es gibt immer einen anderen Weg. Selbstmord ist keine Lösung.

Hannah selbst rechtfertigt ihre Tat mit dem Schmetterlingseffekt: Jeder Aktion folgt eine Reaktion und jede noch so kleine Handlung beeinflusst eine andere. Dadurch kann eine Kettenreaktion entstehen, die in einer Katastrophe, so wie bei Hannah im Suizid, endet.

Ich möchte mir nicht anmaßen, über Hannahs Selbstmord, und ihre Gründe dafür, zu urteilen. Sie wird sie gehabt haben, ansonsten begeht man keinen Suizid.

Ihre Handlungen im Verlauf der Serie kann ich akzeptieren, aber häufig nur schwer nachvollziehen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie etwas reflektierter gehandelt und sich bei vielen Dingen, wie zum Beispiel dem Date am Valentinstag oder Bryce‘ Party, zurückgezogen hätte. Hannah äußerte im Vorhinein Bedenken aufgrund ähnlicher Vorfälle in der Vergangenheit. Ich habe mich häufig gefragt, warum Hannah sich dennoch so naiv verhält und sich wissend in Gefahr begibt? Vielleicht, weil sie noch ein Teenager ist, der noch nicht weiß, wer er ist und wo er hingehört. Selbstverständlich rechtfertigt diese jugendliche Naivität niemals eine Vergewaltigung, so wie sie Hannah auf Bryce‘ Party widerfahren ist.

Fazit: Abschließend möchte ich klarstellen, dass ich nicht daran zweifele, dass Hannah gelitten hat. Das steht außer Frage. Was ich in meinem Artikel kritisieren möchte, ist das falsche Bild, dass durch ihren Selbstmord impliziert wird, und welches viele triggern könnte. Was ich an dieser Stelle allerdings anmerken möchte, ist, dass die Serie zahlreiche Trigger-Warnungen ausspricht und auch auf Hilfeseiten für Betroffene verweist. Alles in allem finde ich es gut, dass solche sensiblen Themen behandelt werden. Den Appell, vorsichtiger, aufmerksamer und empathischer im Umgang mit seinen Mitmenschen zu sein, finde ich sehr gelungen! Trotz des Erfolges sollte man die Serie meiner Meinung nach nur mit Vorsicht genießen und stets kritisch hinterfragen!

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