Gay-Pride und Genozid

Eine Kritik an die Inkonsequenz

Doppelstandards sind eine bestehendes gesellschaftliches Problem. Da wir gerade den „Pride-Monat“ haben, schneide ich das Thema mal an.
Sollte man stolz darauf sein, schwul zu sein? Sollte ich stolz darauf sein, hetero zu sein?
Ich möchte diese Frage in diesem Text nicht beantworten, was ich aber machen möchte, ist auf ein paar Probleme hinweisen, die mich in diesem Diskurs stören.

Wenn Leute zum Beispiel gegen Dinge wie Nationalstolz argumentieren, höre ich oft folgendes Argument: Es ist Zufall, wo man geboren wird, warum solltest du darauf stolz sein?

Doch wenn wir das konsequent anwenden, dann fällt Sexualität auch darunter. Warum sollt ich stolz darauf sein, mit welcher Sexualität ich geboren wurden bin?
Vielleicht übersehe ich etwas, wo aber liegt der Unterschied zu Stolz auf meine Körpergröße, Haarfarbe oder eben meiner Nation?

Ich fühle mich sehr an den Geschichtsunterricht erinnert, in dem wir, wie in Deutschland üblich, 95% der Zeit mit dem dritten Reich verbracht haben. Natürlich eins der wichtigsten und prägendsten Ereignisse des letzten Jahrhunderts. Oft kam die Frage der Erbschuld auf, also müssen wir uns schuldig fühlen für z. B. den Holocaust und die Kriegsverbrechen des damaligen deutschen Volkes?

Wenn wir uns schuldig fühlen, müssen wir uns dann nicht auch stolz fühlen bei all den guten Sachen, die unser Volk in der Vergangenheit gemacht hat?

Dieses Überschätzen von Gruppenidentitäten führt selten zu guten Ergebnissen.
Jeder Mensch hat unzählbar viele Eigenschaften, die ihn zu einem Individuum machen, einige Eigenschaften sind praktisch, um uns zu vergleichen, aber das sind nicht wir. Wir sind ein unendlich kompliziertes System und Vereinfachung führt immer auch zu Zerstörung.

Mein Problem mit jeder Bewegung in dieser Form liegt vor allem in der oft völligen Überschätzung einiger Eigenschaften. Natürlich ist meine Sexualität prägend. Aber sie in einer Parade zu feiern, würde sie völlig überbewerten. Menschen sind Gesamtkonzepte und sollten auch so verstanden werden und in einem Land wie Deutschland, wo man sich so stark ausleben kann, wäre es viel besser, sich auf das Gesamtbild zu konzentrieren.

Fehlende Konsequenz war schon immer ein Ärgernis, das mich beschäftigt hat, aber vielleicht übersehe ich hier vielleicht auch etwas und würde mich freuen, wenn es mir jemand erklärt.

8 Gedanken zu „Gay-Pride und Genozid

  • Juni 20, 2018 um 20:25
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    Ich denke, dass es nicht unbedingt schädlich ist, auf Zufällig angeborene Eigenschaften stolz zu sein. Stolz auf etwas zu sein, wo keine eigene Leistung dabei ist, sollte nicht über den Stolz auf eigene Leistungen stehen, trotzdem kann Stolz auf Sachen wie Sexualität oder Herkunft konstruktiv sein. Denn dadurch entstehen unterschiedliche Gruppen, die im Wettbewerb mit anderen Gruppen stehen. Zum Beispiel, wer macht die beste Gay-Parade, oder wer das bessere Schützenfest. Menschen leben in Gruppen und ein Wettbewerb unter verschiedener Gruppen, wird für die Individuen geführt werden. Was cool ist. Wichtig dabei ist nur, dass dabei die Spielregeln für ein friedliches Miteinander geachtet werden: Die Goldene Regel, NAP und Recht auf Selbstverteidigung. Ansonsten haben wir wieder Genozide.

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    • Juni 21, 2018 um 19:56
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      Ich stimme dir zu. Ich fände vielleicht so etwas wie Verantwortung besser als Stolz. Ich denke nämlich eine moralische Pflicht entsteht auch aus diesen angeborenen Fähigkeiten. Jemand der von Geburt aus Stärker/Klüger ist sollte sich auch verpflichtet fühlen das zu nutzen.
      Ähnlich verhält es sich mit der Herkunft, wir stehen in der Verantwortung der Aufklärung und der Freiheit.
      Nur finde ich es auch gefährlich wenn Leute sich zu stark durch solche Sachen definieren. Schwul, Schütze oder deutsch zu sein ist nur ein Bruchteil einer Identität.

      Danke für deinen Kommentar ich finde ihn Hervorragend.

      Antwort
  • Juni 23, 2018 um 22:16
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    In Gay Prides – oder jeder anderen LGBTQ Pride – geht es nicht ausschließlich darum, sich für das zu feiern, was man ist. Es geht viel, viel eher darum, dass man sich in der heteronormen Gesellschaft selbst bekennt und sich als nicht-hetero traut, dies offen zu zeigen und damit umzugehen. Denn ich denke, dass fast jede nicht-heterosexuelle Person (auch im ach so toleranten Deutschland!) mindestens einmal damit Probleme hatte, sei es aufgrund von Konflikten mit sich oder der Gesellschaft selber.

    Wir leben in einer Gesellschaft, in der fast jeder grundsätzlich davon ausgeht, dass die Person gegenüber eine Zukunft mit Jemanden des anderen Geschlechtes plant. Mädchen werden gefragt, ob sie denn schon einen Freund haben; Jungen werden gefragt, wie es denn mit den Frauen aussieht. Wenn ein Mädchen jemanden als „meine Freundin“ betitelt, wird davon erstmal ausgegangen, dass es eine ganz normale Freundin ist, aber wenn sie „Freund“ sagt, wird angenommen, dass es ihr fester Freund ist. Andersrum ist das natürlich genauso. Es wird quasi gar nicht erst in Betracht bezogen, dass die Person gegenüber nicht heterosexuell ist.

    Auch ist es ein – noch viel größeres – Problem, dass man tatsächlich oft schief dafür angeguckt wird, wenn man sagt, dass man nunmal nicht (nur) das andere Geschlecht mag oder dass man sich richtig im eigenen Körper fühlt. Es passiert so, so häufig, dass man dafür beleidigt wird oder dass hinter dem Rücken der betroffenen Person gelästert bzw. dumme Witze gemacht werden. Ich persönlich habe mal jemanden nur im Gespräch erzählt, dass viele meine Freunde nicht hetero sind, worauf ich wirklich skeptisch angeschaut worden bin.

    Als dritter Konfliktpunkt fällt mir noch ein, dass man sich oft „outen“ muss, damit Leute erst einmal kapieren, dass man eine/n Partner/in gleichen Geschlechtes hat oder danach sucht. Es muss quasi der Satz „Ich bin nicht hetero, ich bin xy“ o.ä. kommen, weil wieder davon ausgegangen wird, dass dem nicht so ist. Und noch viel wichtiger: Man weiß nicht, wie die Person gegenüber reagiert. Klar, als heterosexueller Mensch wird man immer akzeptiert, aber glaub mir, wenn ich sage, dass Homophobie größer ist als gedacht. Insbesondere die ältere Generation (sprich: Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel etc.) wurde im Normalfall nicht über das Thema aufgeklärt aufgezogen, weswegen einige tatsächlich nicht einmal daran glauben, dass es andere Sexualitäten gibt. „Das ist nur eine Phase.“ ist noch einer der harmlosesten Sätze, aber selbst das verletzt eine Person aus der LGBT-Community.

    Dies und noch weitere Punkte birgt viele Identitätskonflikte, die ein heterosexueller Mensch nun einmal nicht hat. Heterosexualität wird als normal angesehen, alles andere fällt nicht mehr so leicht in die Spate. Und genau deswegen gibt es diese Prides – weil Leute endlich offen über ihre Sexualität reden und damit umgehen können, was sie zuvor nicht konnten. Weil sie damit offen zeigen können, was sie sind und sich nicht dafür auf irgendeine Weise schämen müssen.

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    • Juni 25, 2018 um 14:53
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      Vielen Dank! Dürfen wir deinen Kommentar als Beitrag posten? Er ist sehr gut geschrieben und wäre eine tolle Gegendarstellung zu meinem Beitrag!

      Antwort
      • Juni 25, 2018 um 20:02
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        Ja, das darfst du sehr gerne. Vielen Dank dafür. 🙂

        Antwort
        • Juni 27, 2018 um 16:28
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          Super, wir haben ihn veröffentlicht, solltest du irgendwas ändern wollen oder eine andere Überschrift über deinen Text melde dich bei uns und wir kümmern uns darum!

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  • Juni 25, 2018 um 19:09
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    Jo ich stimme dir auf jeden Fall zu, wenn du sagst, das es nicht sinnvoll ist stolz auf etwas zu sein was warscheinlich nur eine zufällige Eigenschaft ist. Was ich problematisch an CSDs finde, ist das sie Pride genannt werden. Ich habe solche Veranstaltungen auch nie so wargenommen das dort Leute hingehen und sagen: „Schau mich an, ich bin stolz darauf nicht heterosexuell zu sein!“ Ich dachte immer es geht dabei darum auf das Thema aufmerksam zu machen und für mehr Sensitivität dorthingehend zu sorgen. Also eher sowas wie: „ Hey ho, ich bin nicht heterosexuell aber genauso ein Mensch wie du auch. Ich würde es ziemlich feiern, wenn du mich auch genauso behandeln würdest.“ Und das finde ich ziemlich cool. Ich finde übrigens auch das man auch als heterosexuell Mensch auf so eine Veranstaltung gehen kann. Es sollte den Menschen am Herzen liegen alle gleich zu behandeln, egal welche Sexualität, Herkunft oder welches Geschlecht jemand hat.

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    • Juni 27, 2018 um 16:30
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      Ich denke, dass nur noch wenige Menschen Probleme mit der „Message“ der Pride Paraden haben. Kritik die ich aber teilweise auch nachvollziehen kann das es extrem über sexualisiert ist, deswegen finde ich die Veranstaltungen einfach oft sehr unästethisch.

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