Die verhängnisvolle Anmaßung (Teil 4)

unintended consequences (unbeabsichtigte Folgen)

Damit käme ich dann zum Abschluss meines doch recht lose strukturierten Essays. Was sind die viel zitierten unbeabsichtigten Folgen des Mindestlohns? Was sind die beabsichtigten? Es ist offenkundig so, dass jene welche einen Mindestlohn fordern, diesen in der Mehrzahl für etwas Gutes halten. Das er den Schwachen nützen und diese vor den Starken beschützen soll. Doch entspricht das auch den Tatsachen? Und wenn nicht wissen es jene die für den Mindestlohn sprechen? An diesem Punkt komme ich auch nicht umhin die Sichtweise auf Menschen in Kategorien wie stark oder schwach einzuschränken. Grundsätzlich haben Menschen Stärken und Schwächen gleichzeitig und diese können in einer freien Gesellschaft mit einer freien Marktwirtschaft harmonieren, sich ausgleichen. Niemand ist grundsätzlich stark oder schwach und bedarf der Hilfe oder Zähmung. Das Menschen dennoch füreinander einstehen und darauf achten, dass sich Ungerechtigkeiten und problematische Machtgefüge nicht festigen zeigt sich in nahezu jeder Diskussion. Die immer wieder auftauchende Frage: “Wer kümmert sich eigentlich um die Schwachen?” beweist, dass die Menschen durchaus daran denken und sich kümmern.

Die Situation der Schwachen
Welche Optionen hat ein Schulabbrecher in einer Arbeitswelt, die bestimmt ist durch Qualifikationen? In einer idealen Welt könnte er wohl die Qualifikationen nachholen. Welche Institutionen liegen da wohl näher als beispielsweise Gewerkschaften oder Wohlfahrtsverbände? Hilfe zur Selbsthilfe kaum etwas kann den Betroffenen und Helfern mehr nützen. Doch ist individuelle Hilfe mitunter deutlich anstrengender und mit mehr Arbeiten sowie Risiken verbunden. Es ist nicht so das ist keinerlei Unterstützung gibt, doch leider wird sie (überwiegend) von Arbeitsämtern delegiert. Es gibt für die Bildungsträger einen Anreiz viele Kunden; “Fälle” an Land zu ziehen doch die tatsächlich erfolgreiche Ausbildung für bestimmte Tätigkeitsfelder ist weniger Motivation oder verpflichtend.
Doch ich schweife ab. Welche Optionen bieten sich unseren Schulabbrecher? Es ist immer problematisch die Möglichkeit von einem geringen Gehalt in den Raum zu stellen. Natürlich ist es häufig möglich in Arbeit zu kommen, wenn man geringe Forderungen stellt. Das heißt nicht, dass ich es für eine gute Sache halte, wenn Menschen unterhalb des Mindestlohnes arbeiten würden. Wie ich es bereits angerissen habe der Mindestlohn ist der gesetzlich erlaubte Einstiegslohn und er liegt für meine Ansprüche deutlich zu niedrig – doch hilft dies einem Arbeitsuchenden ohne Qualifikationen nicht weiter. In allen mir bekannten Branchen oder Arbeitsverhältnissen bleibt es nicht lange auf diesem Niveau. Solange man sich einbringt und qualifiziert hat man alle Chancen auf mehr. Doch wenn es dem Schulabbrecher nicht möglich ist, mit etwas aufzutrumpfen, dass ihn von einem Haupt- oder Realschüler abhebt, so wird er sehr wahrscheinlich nicht eingestellt. Natürlich kann man mit einem gewissen Zynismus der Meinung sein ein Arbeitsplatz, der nicht einmal zu Mindestlohn vergütet würde, ist ein überflüssiger Arbeitsplatz. Doch wie steht in diesem Fall unser Schulabbrecher da? Nein, der Mindestlohn mag keine langfristige Perspektive sein, aber ist es das Sozialsystem? Soll es wirklich unsozialer sein den Menschen zuzugestehen für sich selbst den Lohn auszuhandeln?
Hinzu kommt das “Problem” der Grenzkosten. Wenn ein Prozess innerhalb einer Stunde 9,19 € kostet, muss diese Summe auch wieder eingespielt werden. Ansonsten droht auf lange Sicht der Ruin. Das der Mindestlohn dem Arbeitgeber mehr als sein Nominalwert kostet, sollte ebenfalls klar sein. Ich glaube jedoch tatsächlich, dass durch Mindestlohngesetze wegfallende vorher bestehende Arbeitsplätze zu vernachlässigen sind. Doch wie viele sich als Unternehmer versuchende Menschen trauen sich aufgrund dessen den ersten Schritt nicht zu? Der Erfolgsdruck wird damit nicht geringer. Überhaupt auch weniger leistungsfähige Menschen könnten den Druck in der Arbeitswelt damit reduzieren vergleichsweise weniger Stundenlohn zu erhalten. Dies gilt nicht ausschließlich auf den Mindestlohn bezogen, sondern auch auf meine Erfahrung insgesamt mit Tariflohn. Dadurch, dass Tarife steigen muss entweder für mehr Umsatz gesorgt oder die Kosten gesenkt werden. Weniger leistungsfähige Menschen haben innerhalb dieses Prozesses keine Option und werden auf lange Sicht aus diesen Berufen verdrängt.
Ein weiterer Effekt welchen ich selbst mehrfach mitbekommen habe, ist das junge Arbeitnehmer aufgrund des Mindestlohnes eher dazu neigen kleine Teilzeitjobs oder unqualifizierte Arbeiten anzunehmen um mehr Geld verdienen zu können, als in einer klassischen Ausbildung. Natürlich sei diese Entscheidungsfreiheit unbenommen doch kann ich mich nicht daran entsinnen diesen Effekt vor Mindestlöhnen mitbekommen zu haben. Er schafft einen Anreiz eine solide Ausbildung einer anfänglich guten Bezahlung vorzuziehen.

Die Situation der Starken
Wer zählt zu den Starken? Den einfachen Unternehmer kann ich als solchen kaum wahrnehmen. Doch zählt jener auch nicht zu den Schwachen. Mangelnder Unternehmergeist ist in vielerlei Hinsicht schädlich für eine offene Gesellschaft sowie für marktwirtschaftliche Perspektiven. Für bestehende Unternehmen kommt dies natürlich gelegen. Weniger Konkurrenz ist für jeden Konzern oder jedes Unternehmen vorteilhaft. Wenn wir den Starken also in einem Aggregat wie Unternehmen oder Konzerne sehen, kann der Mindestlohn oder ähnlich restriktive Gesetze im Arbeitsrecht die eigene Position stärken. Es ist ziemlich offensichtlich, dass gerade kleinere Betriebe oder einfache Unternehmer durch den bürokratischen Aufwand für die Einhaltung des Mindestlohns höhere Kosten tragen müssen, als im Verhältnis große Konzerne mit entsprechenden IT gestützten Abteilungen. Die notwendige Struktur besitzen Großkonzerne bereits im Vorfeld die Mehrarbeit hält sich in Grenzen. Allein dieser Punkt reicht aus, um für die bereits stärkeren größeren Unternehmen einen Vorteil zu ergeben. Denn hier geht es nicht darum ob der Mindestlohn eingehalten wird, hier geht es um die Dokumentationspflicht. Wie ich bereits sagte, gibt es nur sehr wenig private Unternehmen die tatsächlich unter Mindestlohn Niveau zahlen. Noch weniger gibt es Großkonzerne die darunter fallen. In meiner Branche im Einzelhandel ist es z. B. so, dass Lidl einen hausinternen Mindestlohn von 12 € die Stunde veranschlagt, bei Aldi ist das weniger genau hervorgehoben aber mit einigen Sonderleistungen wie einem 13. Monatsgehalt kommt man auch hier über 11 € die Stunde. Wohlgemerkt es geht hier um Einstiegsgehälter für eine grundsätzlich gering qualifizierte Tätigkeit.
Es ist nicht so und ich möchte es auch gar nicht andeuten, dass irgendwelche Großkonzerne Gesetzesinitiativen angestoßen hätten zur Einführung eines Mindestlohnes. Es geht hier ja um unbeabsichtigte Folgen. Für Konzerne sind Kosten grundsätzlich erstmal einmal ein Problem und diese möchte man vermeiden (also ist man folglich gegen einen Mindestlohn). Dass jene Kosten allerdings kleinere Mitbewerber überproportional belasten, fällt nicht großartig in die Betrachtung der größeren Unternehmen. Ist aber genau der Effekt, den ich hier abbilden möchte. Sicher die großen Unternehmen können sich weniger über einen selbst gesetzten Mindestlohn abheben, müssen dies aber auch nicht mehr so dringlich, wenn es an Mitbewerbern mangelt.

Warum das Ganze?
Diese Gegenüberstellung von schwach und stark? Wie ich bereits angerissen habe empfinde ich diese Kategorisierung als zu eindimensional. Es geht mir hierbei um die Zielsetzung jener die für den Mindestlohn eintreten. So soll zum einen die Situation von Geringverdienern, geringqualifizierten und ähnlichen Gruppen verbessert werden. Zum anderen sollen jene, die über größere Mittel verfügen, verstärkt in die Pflicht genommen werden um ihre Stellung weniger ausnutzen zu können. Doch beides lässt sich nicht beobachten. Es mag sein, dass es vereinzelte Arbeitnehmern gibt, die von einem Mindestlohn profitieren. Man sieht, aber nicht wie viele dadurch vollständig vom Arbeitsmarkt verdrängt wurden. Und man sieht nicht welche Unternehmer den Schritt in die Selbständigkeit nicht wagen.
Das größte Problem, welches ich hier neben all dem bereits angesprochenen sehe sind die Kosten von staatlicher Seite um Mindestlohn Gesetze durchzusetzen. So wurden etliche Zollbeamte eingestellt für die Kontrolle von Arbeitszeiten in Betrieben. Ich habe es bereits angerissen, um die Situation von Geringqualifizierten nachhaltig zu verbessern sind Bildungsangebote und ein wenig regulierter, durchlässiger Arbeitsmarkt die beste Option.

Um auf den letzten paar Metern noch leicht zynisch zu werden, müsste man sich die Frage stellen, warum eigentlich die Gewerkschaften sich den Mindestlohn gefallen lassen? So durchkreuzt er doch das eigene Geschäftsmodell und gibt zumindest jenen am unteren Rand den Anschein von höheren Löhnen und dass sich jemand darum kümmere. Doch wie sollten Gewerkschaften argumentativ gegen einen Mindestlohn sprechen? Die gleichen Gründe, die gegen den Mindestlohn sprechen würden, sprechen auch gegen Tarifverträge. Und da die Gewerkschaften die Vertreter von Arbeitnehmerrechten sind, wie könnten sie es sich erlauben gegen den Mindestlohn zu reden?
Auch finde ich es in der Debatte immer wieder interessant zuhören, es gebe keine negativ Auswirkungen von Mindestlöhnen. So würde er für Wachstum sorgen, die Konjunktur ankurbeln und insgesamt Armut verringern und Perspektiven schaffen. Wenn dem so wäre, wo läge dann seine Grenze? Ein Mindestlohn von unter 10 €.. warum? Könnte man nicht auch 15 € veranschlagen oder 20 oder 50? Dann könnte man das noch kombinieren mit höheren Steuern und schon hätten wir nahezu alle Probleme beseitigt. Ein Mindestlohn kann nur, dann scheinbar funktionieren -ich würde sagen wenig Schaden verursachen- solange er unambitioniert umgesetzt wird. Also in Höhe und Struktur dort angesetzt ist, wo das allgemeine Lohnniveau bereits vorher lag. Jedem Menschen leuchtet sofort ein, dass ein Mindestlohn von 50€ nicht funktionieren kann. Doch das Prinzip, die Gründe dahinter, sind die gleichen für jede andere Höhe eines Mindestlohnes.

 

Text von Daniel Pietrzak.

Ein Gedanke zu „Die verhängnisvolle Anmaßung (Teil 4)

  • August 30, 2018 um 23:14
    Permalink

    Was will uns der Autor sagen?!

    Sind Mindestlöhne nun gut oder schlecht? Aber so ist es eben oft, wenn nicht ökonomen von ökonomischen Themen reden. Wie wenn blinde über Fraben reden…

    Die Wirtschaftswissenschaften ist in der Forschung recht deutlich. Diese Nachfrageefekte des Mindestlohnes gibt es nicht. Selbst die Modelle mit denen der Effekt quantifiziert werden soll, liefern als Ergebnis keinen Effekt. Spricht man Vertreter der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung darauf an, sagen sie, dass in Ihren Überlegungen die Effekte einfach als Null definiert werden. Dann klappt es wieder.

    Dann gibt es die Vertreter, die sagen, ein Mindestlohn über dem Marktlohn zerstört Arbeitsplätze und nur wenn der Mindestlohn unter dem Marktlohn ist, schadet er nicht. Diesen Effekt gibt es in vollständigen Märkten tatsächlich, aber Arbeitsmärkte sind NICHT vollständig.

    Studien die den Effekt von Mindestlöhnen untersuchen wollten, kamen zu einem verblüffenden Ergebnis. Ob MIndestlöhne schaden oder nicht, hängt vor allem an der Struktur des Arbeitsmarktes.
    Es gab sogar Regionen, wo der Mindestlohn, bzw. eine Erhöhung des Mindestlohnes, zur mehr Arbeitsplätzen führte, OHNE Steigerung der Nachfrage.

    Der Mindestlohn hat mehrere Effekte , sowohl auf die Arbeitskräftenachfrage , als auch auf das Arbeitskräfteangebot.

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