Altgriechisch: Eine moderne Reminiszenz

von Paulina Gastl

In den letzten Wochen der siebten Klasse stand für mich und meine Mitschüler eine (für uns damals) unglaublich große Entscheidung an. Es war die zweite Fremdsprachenwahl und da ich ein humanistisches Gymnasium besuche, bestand unsere Wahl aus entweder Französisch oder Altgriechisch. Hm. Griechisch also. Nein –warte ALTgriechisch? Spricht man das überhaupt noch? Um die Antwort darauf direkt vorwegzunehmen: Nein. Ich wünschte, mir hätte damals auch jemand eine Antwort vorweg geben können, auf die Frage: Wie soll ich mich entscheiden? Ich hörte mich in den höheren Stufen um.  Allein schon beim Vorbeischlendern bei Klassenzimmern konnte man verzweifelte Gesichter in Französischbücher starren sehen und ab und zu ein erschöpftes Stöhnen hören. Meine älteren Freunde hörte ich ab und an über die französische Sprache quengeln.  Und was war mit Altgriechisch? Ich kannte niemanden, der sich je auf solche Weise über altgriechisch beschwert hatte (später stellte ich fest, dass es daran lag, dass kaum einer Altgriechisch gewählt hatte). Außerdem bot das keine andere Schule in meinem Landkreis an und zu Latein hätte es sich bestimmt gerne in meiner Fremdsprachensammlung gesellt. Ich wählte also altgriechisch und jetzt, ein paar Jahre und mit Graecum in der Tasche, kann ich sagen: es hat mein Leben verändert.  Und das soll jetzt auch gar nicht schnulzig klingen.

Die meisten Leute halten Altgriechisch für die schlechtere Wahl. (Was willst du denn mit Altgriechisch? Französisch spricht man doch wenigstens noch!) Klar, mit Französisch hat man letztendlich das festgesetzte Ziel, dass man französisch sprechen kann. Und das kann man auch im Alltag und im Urlaub anwenden. Das vergleichbare Ziel mit Altgriechisch: Alte, sehr alte Texte übersetzen.  Braucht man im Alltag eher so in 0.1/365 Tagen.  Jetzt, wo ich mein letztes Altgriechischjahr in der Schule abgeschlossen habe, weiß ich jedoch, dass das „Ziel“ des Altgriechischunterrichts nicht die Sprache selbst ist. Es ist vielmehr die Kultur und die Denkweise, die Philosophie der alten Griechen, für die man ein Gespür bekommt.  Und das ist unglaublich wertvoll. Interessiert man sich zum Beispiel für Politik oder Philosophie, kann man sich die verschiedensten Ideen, die man heutzutage vielleicht sogar als modern bezeichnen würde, im Original durchlesen. Undzwar von großen Vordenkern, wie es zum Beispiel Platon war –ganz ohne wilde Interpretationen. Oder man wird überhaupt mit Ideen vertraut gemacht, über die man so noch gar nicht überlegt hat. Es ist schwierig alles in Worte zu fassen, aber dieses Schulfach hat mich Denken auf eine andere Weise gelehrt.  Ich begann viel mehr zu hinterfragen. Meine Gedanken, meine Handlungen, die Taten Anderer,  die Existenz, das Nichts… und das fühlt sich befreiend an. Für einige sind solche Fragen bedrückend, wenn man weiß, man findet ja eh keine endgültige Antwort. Nachvollziehbar, gebe ich zu. Aber wie wir schon als Kinder gelernt haben: Wer nicht fragt, bleibt dumm . Und nicht: Durch Antworten werden wir schlau.

Altgriechisch war letztendlich das, was mich an die Philosophie herangeführt hat, in meinem Bundesland leider nur als Profilfach, also zusätzlich zum normalen Unterricht, wählbar. Ein Angebot, was ich dankend annahm. 

Ok, ich habe also die Philosophie für mich entdeckt. Schön und gut. Es mag aber auch Menschen geben, denen das eher weniger zusagt. Und was haben die dann von Altgriechisch?

Also erstmal: Man kann die Buchstaben lesen. Und nein, das ist nicht die größte Hürde, wie man wohlmöglich vermutet. Viel schwieriger beim Altgriechischlernen ist leider die Grammatik.  Aber es ist schon ganz cool, uralte Inschriften lesen zu können (auch, wenn man sie nicht übersetzen kann). Nützlich ist ebenso die Schrift, wenn man mal geheime Botschaften oder Notizen anfertigen möchte, die keiner von den Französischschülern lesen soll. 1:0 für Altgriechisch.

 

Und wartet erst, bis ihr die Altgriechischschüler in voller Fahrt bei Quizduell oder „Wer wird Millionär“ erleben dürft, wenn die Bedeutung eines Fremdwortes mit griechischem Ursprung gesucht wird.  Und ganz praktisch gesehen gibt es ein paar Studiengänge, wie zum Beispiel Theologie oder oho, wer hätte es gedacht, Altgriechisch, für die ein Graecum grundlegend sind.

Und wenn all das nichts nützt, weil  man eh nicht nach Griechenland reist, nichts derartiges studieren will oder sich nicht für die Antike interessiert, dann reicht Altgriechisch noch immer aus, um sich auf Partys eine gute halbe Stunde ein wenig über den Smalltalk hinaus zu unterhalten, oder eben auch, um einen kleinen Blogpost zu verfassen.

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