Back to the ritz

Blut tropft. Ich recke mein Kinn nach oben, schlucke noch einmal und setze das Messer an. Langsam gleitet es über meinen Hals und entfernt sorgsam die verbliebenen Bartstoppeln. Messer abputzen, Rasierschaum abwischen und schon wieder sieht man ein paar Jahre jünger aus. Zumindest bildet man sich das ein. Seit fast drei Jahren rasiere ich mich mit einem Rasiermesser, statt mit dem Gilette Superfusion mit 300 Klingen oder dem Turbo Mach 7 mit 400 Watt. Das hat viele Gründe: Ursprünglich fand ich es einfach nur cool. Soviel muss man zugeben. Sonntags, eingeschäumt, mit einem Messer vorm Spiegel zu stehen, hat schon was. Besonders cool finde ich es eigentlich schon lange nicht mehr, obwohl es noch immer reicht, dass ich einen Artikel darüber schreiben will … Aber es gibt andere Gründe, die für die mittelalterliche Rasur sprechen. Und natürlich auch einige Argumente dagegen.

Einige Gegenargumente.
Man braucht vergleichsweise viel Zeit. Meine ersten vorsichtigen Rasurversuche dauerten 20 bis 30 Minuten, mittlerweile bin ich bei unter 10 Minuten. Das ist immer noch deutlich länger, als alle Alternativen, die ich eben noch ein wenig verspotte habe.
Die ersten Monate arten in einem Blutbad aus. Es dauert einfach, bis man ein Gefühl für die eigene Haut und die Falten bekommt, die Hand sicher und ruhig entlang führt und keine dummen Bewegungen macht. Nach und nach bleibt man unverletzter und läuft auch nicht mehr wie ein Trottel zu Hause rum, der auf jede kleine Wunde ein Stück Klopapier gedrückt hat. Trotzdem: eine unachtsame Bewegung, zu viel Hektik und Träumereien und man wird sofort bestraft.

Wer ein richtiges Rasiermesser haben will (Mit Schleifen und Abziehen) muss eine Menge Geld in die Klinge stecken und sie regelmäßig pflegen. Eine „bessere“ Rasur bekommt man damit eigentlich nicht mehr. Viele Fetischisten behaupten, dass die Messerrasur sauberer und gründlicher wäre. Aber die moderne Technik ist weit genug fortgeschritten, dass man eigentlich mit jedem „modernen“ Rasierer ein ähnliches Ergebnis erhält.

Was spricht dafür?
Die Gegenargumente sind, etwas umgedeutet, eigentlich auch die Anwälte des prähistorischen Rituals. Man lernt gerade wegen der Dauer eine Rasur zu schätzen, so seltsam es auch klingt. Es ist kein zeitlich begrenzter Pflichtablauf, der dich regelmäßig nervt. Obwohl er so viel länger dauert, nimmt man die Rasur anders wahr. Sie steigt an Wert – man beginnt sich darauf zu freuen.

Rasiermesser sind nicht teuer. Ich verwende Wechselklingen (ich bin für ein richtiges Messer einfach zu geizig). Ein Set mit 100 Rasierklingen kostete vor drei Jahren 15 Euro. Das hat bis heute gereicht. Viel billiger geht’s nicht.

Sie ist in gewissem Sinne auch spannend: Schaffe ich es heute ohne Blutvergießen? Wie schnell geht die Stelle unter meinem Kinn? Das alles geht Hand in Hand mit dem „Ritual“. Der Prozess des Rasierens – vorbereiten, einseifen, rasieren, abschließend – ist ein meditativer Prozess und gesund für die Seele des modernen Hektikmenschens, der immer nur schnell fertig sein will. Ähnlich ist es beim Sport oder bei der Meditation. Vorbereitung, innere Ruhe, Durchführung ,Abschluss und Säuberung.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Wissen, seinen Bartwuchs zu beherrschen. Okay, das hört sich jetzt tatsächlich etwas lächerlich an, aber ich kenne jede Stelle meiner Visage und vor allem bin ich nicht auf Erfindungen und Bauten kluger Köpfe angewiesen, ohne die ich hilflos als Salafist enden würde. Es gelingt mit den einfachsten Mitteln. Warum bauen Raketeningenieure in ihrer Freizeit Dampfmaschinen zusammen? Sie verstehen ein Düsentriebwerk, aber sie beherrschen es nicht. Warum üben Samurais Schwertkampf und nicht an der Maschinenpistole? Warum läuft man einen Marathon, wenn man einfach in die Bahn einsteigen könnte? Nutzen und ökonomische Effizienz ist nur ein Teil unseres Lebens.

Der letzte und vielleicht auch wichtigste Punkt. In einer alles verändernden Zeit erleben wir tagtäglich Phänomen, absolvieren Probleme, navigieren und durch die Tücken und Freuden des Alltags, die sogar vor zehn oder zwanzig Jahren nicht vorstellbar gewesen war. Reist gedanklich einmal in die Vergangenheit und erzählt jemanden, was ihr heute gemacht habt. Er wird einiges nicht mehr verstehen. Reist einmal 100 Jahre zurück und eure Vorfahren würden überhaupt nichts mehr verstehen. „Ich hab meine E-Mails synchronisiert, danach kurz Facebook gecheckt, anschließend mit Flixbus zu meinen Eltern gefahren und in Ruhe meine Bachelorarbeit angefangen.“ Bitte was? Umso wichtiger ist es, auch wenn es nur einige wenige Sachen sind, die traditionelle Bodenhaftung zu bewahren. Nicht nur ein wenig traditionell. Tatsächlich beweisen Funde, dass es Rasiermesser seit mindestens 5000 Jahren benutzt wurden.

Gleich geht’s wieder vor den Spiegel, der Bart ist fällig. Ich schäume mein Gesicht ein und weiß, dass mein Vater, beim Großvater und alle unsere Vorväter vor einem Spiegel standen, ihr Gesicht wie ein halber Idiot verzogen und mit dem Rasiermesser vorsichtig ihre Haare entfernten. Ganz ohne elektrisches Brummen. Ein beruhigender Gedanke.

 


Beitrag von: Florian Müller,  studierte Politikwissenschaften und Geschichte in Trier. Derzeit studiert er Europäische Integration in Marburg und schreibt für „eigentümlich frei“ und regelmäßig auch für die „Blaue Narzisse“. 2017 wurde er mit dem Julius-Faucher-Preis ausgezeichnet. Er ist Inhaber und Herausgeber der „Krautzone“.

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